Katalogtext zum Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Bildende Kunst 2014

von Friedrich Meschede


Die Arbeiten von Kristina Berning beziehen ihre Attraktivität aus einem Widerspruch: Sie beanspruchen Raum und erzeugen zugleich Distanz, sie ziehen den Betrachter an und verlangen Abstand, weil sie so fragil erscheinen, dass man sich ihnen vorsichtig nähert. Das Arrangement unterschiedlichster Materialien lässt kein Vorne oder Hinten erkennen, die Objekte öffnen sich in alle Richtungen des Raumes. Das Medium Skulptur suggeriert Stabilität und Dauer, die Werke hingegen, die Kristina Berning konstruiert, erscheinen aber labil und provisorisch, als ob sie für den Moment geschaffen wurden. Die verwendeten Werkstoffe sind ganz unterschiedlicher Art: Papier, Stoffe, Draht, Holz, wobei allen Bestandteilen anzusehen ist, dass sie bereits zuvor eine andere Funktion zu erfüllen hatten. Mit dieser verborgenen und vorenthaltenen Geschichte treten sie im Zusammenhang einer Konstruktion neu auf. Im Zusammenwirken der Teile stellen die jeweiligen Elemente nun ihren Eigenwert zur Schau. Zusätzlich farbliche Gestaltung betont den Kunstcharakter der vormals banalen Bestandteile.

Kristina Berning gelingt es, Werkstoffe in einer Weise (wieder) zu verwenden, dass sie den Prozess einer Veredelung zum Ausdruck bringen. Plötzlich erscheint ein Eisendraht als Linie im Raum, der ohne Anfang und ohne Ende sein will und gerade deshalb alles beansprucht, was diese Linie umgibt. Wir werden aufgefordert stehenzubleiben, um die Balance der Linien und Flächen als Energie von Material und Raum zu erleben. Es ist diese Fragilität, die überzeugt und etwas kunstwürdig macht, das zuvor als wertlos erachtet wurde. Aus dem Prozess der Metamorphose erzielen die Werke von Kristina Berning eine Wirkung, die den Betrachter immer wieder aus neuer Perspektive einbezieht.

Kristina Berning ist in Münster geboren und hat an der Kunstakademie in Münster und an der National College of Art and Design in Dublin studiert.