In den Dingen ruht ein Moment 
von Thorsten Schneider

anlässlich der Ausstellung „Real Material - Real Space - Real Time“ (Kristina Berning und Maarten Van Roy)
im Wewerka Pavillon Münster, 2012



Die Große Geste ist die Sache von Kristina Berning und Maarten Van Roy nicht. Sie besetzen den Raum nicht in einem großen Wurf, vielmehr loten sie ihn aus, durch feine Skulpturen. Einfache Findungen, denen die Herkunft ihrer Materialien aus dem Alltag, dem Atelier, dem Baumarkt, noch deutlich anzusehen ist.
Mit dem sicheren Blick des Sammlers bringen sie Dinge und Materialien zusammen, welchen sonst wohl größere Aufmerksamkeit verwehrt geblieben wäre. Aufgelesenes wird zu Auserlesenem. Fragmente fügen sich zu neuen Formen. Für die Produktion dieser Kunst gibt es keine festgesetzten Kriterien, keine Dogmen, keine Normen, vielmehr entstehen die Dinge aus einem intensiven Dialog der beiden Künstler untereinander und mit den jeweiligen Materialien. Der Prozess des Fügens und Arrangierens bleibt dabei stets dynamisch. Die Eigenart eines solchen wilden (künstlerischen) Denkens besteht mit Claude Lévi-Strauß darin, „sich mit Hilfe von Mitteln auszudrücken, deren Zusammensetzung merkwürdig ist und die, obwohl vielumfassend, begrenzt bleiben; dennoch muss es sich ihrer bedienen, an welches Problem es auch immer herangeht, denn es hat nichts anderes zur Hand.“ Diese Reduktion der Mittel offenbart jedoch keinen Mangel, sondern legt unvorhergesehene Potenziale frei. Diese skulpturalen Ordnungen der Dinge zeichnen sich dabei ebenso durch ihre Einfachheit wie Ausgewogenheit aus. Es sind die Beziehungen die sie zueinander einnehmen. Ein Brett stütz einen Stein. Ein kleines rundes Bäumchen bildet den verspielten Gegenpol zu strengem Marmor. Ein Stein und eine Styroporplatte stecken unter einer Decke. Rotes, blaues und weisses Isolierband um einen gedrehten Eisenstab gewickelt, adeln diesen zur Figura Serpentinata. Welch eigentümliche Verbindung zwischen Manierismus und Purismus. Ein exzentrisch geschwungener Kupferdraht zeichnet mit feiner Linie eine Raumplastik die sich als Zwischenraum beim Umschreiten der Plastik auf tut um sich daraufhin wieder zu verbergen. Ihr Körper bleibt Kontur und Lücke. 
Was sich dem Betrachter zeigt, unterliegt einer Raum-Zeit-Gebundenheit, die nach Foucault, einen universalen Anspruch jeglicher Ordnungssysteme hinterfragt. Die Plastiken sind vielmehr temporäre Taxonomien die ihre eigene Gemachtheit in aller Klarheit ausstellen. In der Einheit der skulpturalen Form fügen sich die Teile zu einem homogenen Ganzen ohne jedoch darin gänzlich aufzugehen. Die Qualität dieser plastischen Ordnungen lässt sich mit Foucault trefflich festhalten: „Die Ordnung ist zugleich das, was sich in den Dingen als ihr inneres Gesetz, als ihr geheimes Netz ausgibt, nach dem sich in gewisser Weise alle betrachten, und das, was nur durch den Raster eines Blicks, einer Aufmerksamkeit, einer Sprache existiert.“
In den Dingen ruht ein Moment des Widerstandes gegen all zu fügsame Ordnung. Das Raue, das Gebrauchte, das Geborgte, das Geliehene, das Gelegentliche, das Vergängliche widersetzen sich der Ordnung universaler Form. Die Skulpturen von Kristina Berning und Maarten Van Roy entziehen sich rascher Verfügbarkeit und fordern damit eine Aufmerksamkeit die sich nicht in einem Augenblick erschöpft. 

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