Laudatio zum GWK-Förderpreis Kunst

von Dr. Susanne Schulte



Kristina Bernings Skulpturen repräsentieren nichts. Sie sind, was man sieht: schiere Formen im Mix der Materialien, irgendwie roh, aus Alltagsdingen gemacht, die meist keine mehr waren, als die Künstlerin sie auflas, die gebraucht, mithin individualisiert und einzig sind, zerbrochen, Müll. Die Fundstücke, Fragmente und Gegenstände, die ganz sind, hat Kristina Berning zusammengefügt, häufig nur neben-, in-, übereinander gestellt in prekärer Balance, hier und da hat sie Nahtstellen mit Heißkleber oder Tape verbunden. Der Herstellungsprozess ist sichtbar und spürbar als spannungsgeladen und schnell, einfach, spielerisch, spontan. Ihre Objekte wirken gebastelt, provisorisch und improvisiert. Jedes ist ein Unikat und nicht reproduzierbar, es ist ephemer, als wäre ein Moment nur festgestellt und nur für kurze Zeit. Was man sieht, ist Bricolage, die Abfall und Weggeworfenes zum Spielzeug und Wertstoff macht. Alles ist Oberfläche an diesen Objekten, nackte Präsenz, transparent und konkret, ist echt, verletzlich. Die Skulpturen sind zart, mit einem Schubs kann man sie zerstören. Doch ihrer Fragilität nicht zum Trotz, sondern tatsächlich gerade durch sie strahlen sie eine Stabilität aus, die intrinsisch ist und eine Kraft. Sie kommt aus ihrer Individualität, ihrer Unteilbarkeit im skulpturalen, materiellen und ideellen, Sinn. Nicht von ungefähr tun sich Assoziationen zum Menschen auf – jedes Objekt scheint eine eigene Persönlichkeit und lebendig zu sein. Das kommt aus seiner Gestalt, aus der Geschlossenheit seiner Form, in der alles Entscheidung, aus Ratio wie auch aus Intuition, und nichts dem Zufall überlassen ist. Die Bildhauerin hat alles ausbalanciert. Die Kombination von Farben, Materialien und Formen ist im Gleichgewicht; dem entspricht die Ausgewogenheit und Spannung der physischen Gewichte der Einzelelemente. Bernings Skulpturen entwickeln poetische Kraft. Es ist die Kraft einer weltvertrauenden Poiesis, eines unabhängigen Machens, das weder eine gesellschaftliche Vorgabe noch ein vorgängiges Konzept erfüllt. Aus alten Wirklichkeiten macht es neue, handfeste, authentische Realien. Im Machen, in der Begegnung mit „armen“ und „wertlosen“ Materialien, die in der Künstlerin zünden, ergibt sich das Gesetz dieses Prozesses von selbst: als Gesetze, im Plural. Denn ein jedes ist nur ein einziges Mal gültig, für eine Skulptur. Hier ist kein Subjekt am Werk, das sich den Dingen aufdrückt, sondern ein Selbst, das sich für sie öffnet, sich von ihnen berühren und führen, verführen und tragen lässt, das im Andern nicht das Fremde sucht, sondern das Gemeinsame findet und darin seine eigene Freiheit und Lebendigkeit erfährt. Wenn die Objekte überhaupt verweisen, dann auf diese Freiheit der Künstlerin, ihr Arbeiten in Verbindung mit der Welt. Darin weisen die Skulpturen auch auf die Freiheit derer, die sie betrachten. Und sie legen, wenn überhaupt Interpretation und nicht gleich die Veränderung der Praxis, Interpretation als Poiesis nah: „Fill it with imagination“, heißt es auf einem Bild Kristina Bernings entsprechend.