Eröffnungsrede „ Kristina Berning  - Bodybuildings “

Kunstverein Siegen, 25.08.2013

von Kirsten Schwarz


Bodybuildings – mit Bedacht wählte Kristina Berning diesen Titel für ihre Ausstellung hier in Siegen. Sie sieht den Begriff metaphorisch und teilt ihn in seine beiden Bestandteile Body und Building. Buildings, damit sind im Englischen Gebäude, aber eben auch Errichtungen und Aufbauten gemeint, sehen wir in dieser Ausstellung. Konstruktionen, Zusammenfügungen, Gebilde. Doch wie passt der Begriff Body in diesen  Zusammenhang? Die Künstlerin erklärt ihn mit der Maßgabe an ihre Skulpturen. Alles, was ihr Körper tragen, halten und bewältigen kann, ist das Maß ihrer Kunst. Sie hat keinerlei Hilfen bei der Konstruktion, dem  Bau oder der Gestaltung ihrer Kunstwerke, sie möchte jeden Arbeitsschritt eigenhändig ausführen. Entgegen der Idee der Konzept-Kunst ist dies eine schon fast konservative Herangehensweise.

Doch der sinnliche, handwerkliche  Anteil an der Arbeit, das Geschehen während des Entstehens ist entscheidend für die Erscheinung der Arbeiten. Denn Kristina Berning geht nicht von einer Idee aus, sondern von den Materialien, die sie zusammenbringen möchte. Dieses Zusammenbringen und Verbinden von Materialien ist das eigentliche Anliegen der Künstlerin. Die Materialien werden gefunden oder besser entdeckt, denn klassische Fundstücke, wie sonst in der Assemblage-Kunst gebräuchlich, sind es nicht. Es sind oft klassische Werkstoffe, die Kristina Berning ansprechen, egal ob neu aus dem Laden oder als Abfall entsorgt. Es müssen keine Gebrauchsspuren erkennbar sein, aber manchmal sind es gerade diese, die ihren Blick auf sie lenken. Sie macht auch keinen Unterschied im Gebrauch zwischen klassischen Werkstoffen oder Bastelmaterial, Kristina Berning verbindet alles, was sie künstlerisch reizt.

Ein weiterer Aspekt ihres Arbeitens ist die Suche nach Balance, nach einem Gleichgewicht innerhalb der fragilen Skulpturen. Gewicht fordert Gegengewicht, wie halten Materialien sich gegenseitig in der Balance, wie kann die Schwerkraft ausgereizt werden? Die Gravitation ist die bis heute am wenigsten erklärbare der vier Grundkräfte der Physik. Sie ist jedoch unmittelbar visuell erfahrbar. Kristina Berning macht sich dies zunutze. Sparsamste, einfachste Verbindungen oder Stapelungen sollen zeigen, was machbar ist, um Leichtes mit Schwerem, Hartes mit Weichem oder Organisches mit Anorganischem zu verbinden. Diese Fragen sind Grundfragen der Werkstoff-Kunde, aber neu in der Kunst. Die Verbindungswege, die Kristina Berning findet, sind eben nicht auf langfristige und möglichst unsichtbare Lösungen aus. Es ist gerade das improvisierte, unbeständige, temporäre Verbinden,  das hier  zur Schau gestellt wird. Die Arbeiten Bernings  brauchen keine klassischen Sockel und keine kaschierten Kontrapunkte. Jede Stütze, Basis oder verbindendes Element ist sichtbar.

Oft wird in der Beschreibung des Werkes Kristina Bernings hauptsächlich die  Fragilität der Arbeiten angesprochen, ihre Offenheit und scheinbare Empfindlichkeit. Doch es gibt noch eine weitere Gruppe von Arbeiten, die das Gegenteil repräsentieren. Sie erscheinen erdverbunden und zeigen ihre Schwere und Solidität indem sie, direkt auf dem Boden platziert, fast trotzig dem Betrachter im wahrsten Sinne ‚im Weg stehen‘. Stolpersteine aus massiven Materialien, klotzig und geschlossen. Aber auch hier sind es stets mehrere zusammengefügte Materialien, die einen neuen Werkstoff bilden. So kommen beide Aspekte  - Schwere und Fragilität – in Kristina Bernings Werk zu Tragen.

Die fragilen, hohen, oft nur angelehnten Skulpturen scheinen einen eigenen unsichtbaren Schutzwall zu haben. Sie halten in sich, durch ihr Eigengewicht oder durch möglichst leichte Stützen. Aber auch das hohe Maß an Achtsamkeit, das der Betrachter aufbringen muss, um die größtmögliche Annäherung zu erlangen, schützt die Arbeiten. Der Betrachter wird gezwungen, die einfach erscheinenden und doch komplex austarierten Skulpturen genau zu betrachten, ihre Ausbreitung muss abgeschätzt werden, das Umrunden erfolgt vorsichtig und konzentriert. Die Präsentation der Werke stellt daher auch für die Künstlerin selbst in jeder Ausstellung eine neue Herausforderung dar. Der Abstand zueinander, die Wirkung untereinander, die Kombination der Werke, mögliche Durchsichten und Blickachsen, all dies muss berücksichtigt werden, soll jedes Werk für sich gesehen und erkannt werden.

Kristina Berning ist keine Vertreterin einer Art povera und passt ebenso wenig in die Schublade der Assemblage-Künstler. Denn sie verändert das Vorgefundene in ihrem Sinne, indem sie  mit Material arbeitet, nicht mit Dingen. Es gibt keine Umdeutung von Gegenständen zu einer neuen Bedeutung. What you see is what you get, wobei sorgfältiges Sehen und anschließendes Erkennen der Komplexität  der Werke sowie das Nachspüren des Entstehungsprozesses impliziert sind.

Die Bearbeitung der Materialien selbst durch verschiedenste handwerkliche Tätigkeiten verändert diese und lässt sie zu einem Bestandteil eines neuen Zusammenspiels werden, bei dem alle Teile gleichwertig erscheinen. Es gibt keine Hierarchien in den Werken, keine erkennbar bevorzugten Materialien.

Ebenso ist der Gebrauch der Farbe in einigen Werken  ein individuelles Merkmal ihrer Kunst. Durch Farbe werden bestimmte Verbindungen, Einzelheiten oder gleichfarbige Werkstücke akzentuiert oder unterschieden. Deren Bedeutung für die Skulptur wird so besonders augenfällig hervorgehoben.

Schlicht oder verhalten erscheinen die Werke Kristina Bernings nur auf den ersten Blick, der zweite offenbart eine unendliche Vielzahl an Möglichkeiten der Verwendung und Zusammenstellung unscheinbarer Werkstoffe, die, einmal ihrer ursprünglichen Verwendung entrissen, ein komplexes Feld künstlerischer Umdeutungen erschließen. Die Entwicklung der Arbeiten beinhaltet daher gleichzeitig  auch die Entwicklung ihrer Eigenleben, denn jedes Material besitzt bestimmte Eigenschaften, die es ausmachen. Sprödigkeit, Elastizität, Härte oder Nachgiebigkeit machen Materialien aus und können nur bis zu einem gewissen Grad durch Bearbeitung umgangen werden. Für Kristina Berning ist dies ein spannender Punkt, der immer neu gefunden werden muss. Was ist dem Material zuzumuten, wie funktioniert das Zusammenspiel und wann ist der Punkt der Fertigstellung erreicht? Wenn die Arbeit mit sich selbst beschäftigt ist, sagt die Künstlerin.