Eröffnungsrede „Kristina Berning – unplugged“

Kunstverein Lippstadt, 3. Februar 2013

von Dr. Erich Franz


Als erstes fällt Ihnen wahrscheinlich das Unzusammenhängende dieser Skulpturen auf. Die Teile – Rohre, Hölzer, ein Bindfaden, ein Stück Spanplatte, ein oder mehrere Steine, hie und da etwas Farbe, eine kleine Masse von flüssig tropfendem und dann getrocknetem Gips – sind nicht von der Künstlerin hergestellt, sie sind irgendwo gefunden, man sieht ihnen an, dass sie aus völlig unterschiedlichen Zusammenhängen stammen. Und sie wirken auf den ersten Blick wie zufällig zusammengebastelt, mit nicht sehr stabilen Verbindungen und einem oft recht unsicher wirkenden Stand. Haben diese Skulpturen überhaupt eine innere Einheit, oder sind sie beliebig kombiniert, wie es gerade so kommt? Jedenfalls besteht ihr Zusammenhang nicht in einem Volumen, einer geschlossenen Form, man entdeckt aber auch kein verbindendes Formprinzip, es gibt nichts Regelmäßiges oder Regelhaftes.


Und trotzdem hatte ich gleich beim ersten Sehen gespürt, dass da etwas Zusammenhängendes in diesen Skulpturen ist, etwas Verbindendes und Konsequentes. Ich habe mir nicht gleich erklären können, worin diese innere Logik der Werke besteht. Melanie Bono spricht in ihrem Text von 2011 von „einem prekären Gleichgewicht, das in jedem Moment den improvisierten Charakter des Kunstwerks deutlich macht und zugleich eine innere Notwendigkeit trägt, in genau dieser Art und Weise positioniert worden zu sein.“ –  Woraus entsteht aber die Möglichkeit, doch einen inneren Zusammenhang zu sehen? Besitzt diese Uneinheitlichkeit doch eine Einheit?


Eine Konsequenz all dieser Arbeiten von Kristina Berning zeigt sich darin, dass ihre Skulpturen die Uneinheitlichkeit bewusst und konsequent zu Schau stellen. Man sieht deutlich die unterschiedliche Herkunft der Teile, man sieht, wie sie zusammengeklebt, verschweißt, aufeinander gestapelt, mit Klebeband verbunden, aneinander geknotet, flüssig über etwas gegossen und dann gehärtet sind usw. Man vollzieht dieses Zusammenbringen der verschiedenen Teile nach. Susanne Schulte betont: „Der Herstellungsprozess ist sichtbar und spürbar als spannungsgeladen und schnell, einfach, spielerisch spontan. … Alles ist Oberfläche an diesen Objekten, nackte Präsenz, transparent und konkret, verletzlich.“ Frau Schulte fährt fort, dass diese verletzliche und labile Seite etwas sehr Menschliches hat. Und tatsächlich, wenn ich das mal so ausdrücken darf, als Betrachter leidet und freut man sich mit den Objekten mit: Man spürt die aufsteigenden und verdrehten Bewegungen der Röhren, das Herabhängen der Schnur, deren Linie durch die aufgefädelten Ringe den Röhren ähnlich erscheint und doch von dieser mitempfundenen Bewegung her ganz anders wird. Bei einem gelben Dreieck an der Wand spürt man das Herabsacken des Inhalts in einem Plastiksack, dessen drei Spitzen sich dadurch in ein Gedehnt-Werden und ein Sich-Stauen verwandeln. In einer Skulptur aus Holz und Gips spürt man das Zusammengedrängte der vielen Holzteile (in ihren unteren Etagen) und das Labile der oberen Partien mit wenigen aufeinander gestellten Holzstäben, und man spürt das Herabtröpfeln und flüssige Umschließen der Holzteile durch den weißen Gips. Überhaupt spürt man meist lineare Bewegungen am und im Material, das manchmal selbst einen flüssigen oder knetbaren Ursprung hat, oft aber auch etwas Splitteriges, etwas mit Gewalt Zersägtes, manchmal auf dem Boden, etwas Schweres, dann weiter oben etwas in die Höhe Ragendes. Also: man spürt das Material durch den optischen Bewegungszusammenhang von einem Teilstück zum anderen. Und man sieht unwillkürlich die Balance, das Stützen und Tragen und das Gehalten-Werden.


Im Grunde zeigt sich hier eine ganz alte Thematik der Skulptur, das Tragen und Lasten. Die alten Griechen haben es durch den Gegensatz von Standbein und Spielbein ausgedrückt, also durch die Zerlegung in gegensätzliche Teile des Körpers, an denen der Betrachter die Wirkung der Schwerkraft innerlich nachvollzieht. Ein Künstler, der ebenfalls dieses Miterleben der Schwerkraft und der Materialität zum Thema macht, ist Richard Serra: Die Blei- oder Stahlplatten lehnen an der Wand oder sie lehnen aneinander, und man spürt ihre Schwere und Härte, die etwas Bedrohliches haben können. Der wichtigste Unterschied zu Kristina Berning liegt in der Einheitlichkeit jeder Skulptur von Serra. Diese Gleichartigkeit der Teile, diese Geschlossenheit erzeugt bei ihm einen Absolutheitsanspruch, eine massive Ausschließlichkeit, die zugleich faszinierend und aggressiv wirken. Das völlige Gegenteil ist bei Kristina Berning der Fall: Leichtigkeit, Beweglichkeit, Offenheit, das Aussteigen aus allen einheitlichen Regeln, das einfallsreiche Überlisten jedes Systems, das sich beim Aufbau einer solchen Skulptur einschleichen könnte.


Man könnte diese Offenheit auch „erzählerisch“ nennen, weil immer wieder unvorhersehbare „Ereignisse“ in die Skulptur einfließen. In dieser inneren Beweglichkeit, die sich jeder Verfestigung entzieht, liegt die besondere Eigenständigkeit und Modernität von Kristina Bernings Arbeiten. Die Künstlerin betont, sie wiederhole niemals das Konzept eines Werkes, sie fange jedes ganz neu an. Diese Unvorhersehbarkeit unterscheidet sie beispielsweise gegenüber Thomas Hirschhorn, dessen Werke man zuverlässig an der Masse von Klebeband erkennen kann, die er verwendet, oder gegenüber Manfred Pernice, der etwa eine Vorliebe für rohe Spanplatten hat. Dagegen zeigen Bernings Arbeiten eine konsequente Uneinheitlichkeit, die sie auch gegenüber figürlichen Anklängen an Pop Art oder Surrealismus unterscheidet, in denen sich trotz aller Widersprüche Ansätze einer figuralen oder skulpturalen Einheit andeuten.


Nach meiner Kenntnis zeigt sich in diesen Arbeiten eine neue Art bildnerischen Denkens – und in der Kunst ist das Neue wirklich etwas sehr Seltenes. Dieses Neue, dieses sehr Zeitgemäße, sehr Sensible und Menschliche liegt in der konsequenten Ablehnung einer Selbstbestätigung, einer Absicherung und Verfestigung durch ein System, das sich sozusagen von innen her verstärkt. Kristina Berning hat die Ausstellung „unplugged“ betitelt. Man benutzt das Wort für nicht elektrisch verstärkte Gitarren. Ebenso verhalten, authentisch und intensiv wirken Kristina Bernings labile und zugleich äußerst präzise, sogar in ihrer Art äußerst starke Skulpturen.