Die Vitalität des Alltäglichen

Anmerkungen zur Kunst von Kristina Berning

von Melanie Bono


Kristina Bernings künstlerisches Schaffen nimmt seinen Ausgangspunkt im Material. Ihre zumeist skulpturalen Werke sind oftmals Konstruktionen, die sie aus „Alltagsmaterialien, die einen rohen, unbehandelten Charakter aufweisen“ (Kristina Berning), zusammenstellt. Die oft zufällig gefundenen oder besser: entdeckten Materialien haben sich in den meisten Fällen ihrer Alltagshaftigkeit bereits stark entledigt. Spürbar ist meist nur noch die Atmosphäre des Übriggebliebenen, die „Entsorgtheit“, während sich die direkte Lesbarkeit der Spuren ehemaliger Funktionen oder Nutzungen schon längst verflüchtig hat. Die Materialien wirken wie Artefakte einer zeitgenössischen Alltagsarchäologie, deren ursprünglicher Kontext ausschließlich durch die Entschlüsselung elementarster Signale von Material, Form und Farbe herzustellen ist, während ihr tatsächlicher Sinnzusammenhang in der sich selbst beschleunigenden Flut banaler Alltagsgegenstände unrekonstruierbar bleibt. Aber die gefühlte Zugehörigkeit zur Welt der funktionellen Waren bleibt. Solche Eigenschaften in Form von rückverwandelten „Rohstoffen“ sucht Kristina Berning, da sie in ihrer Kunst einen besonderen Stellenwert einnehmen. Sie beschreibt diesen Auswahlprozess als assoziativ und intuitiv: „Мeine Arbeit startet außerhalb des Ateliers. Alles, was ein verbindendes Gefühl hervorruft, wird dokumentiert oder mitgenommen. Ich denke, dass alles, was ich in mir trage, versucht, seine Entsprechung im Außen zu finden. Wenn ich mich mit etwas verbunden fühle, dann muss es etwas mit mir zu tun haben. Oft ist das wie das Wiedersehen eines alten Freundes. Dabei sind das Material und meine Forschung nicht einer Idee untergeordnet, sie erzeugen die Idee.“


Die Arbeit „Untitled“ von 2011 besteht zum Beispiel aus Fragmenten einer Holzspanplatte, die sich vertikal übereinander an eine Wand stapeln. Offensichtlich war die Spanplatte ursprünglich auf einer Seite blau bemalt und ein wie auch immer geartetes Ganzes, nun aber sind es nur noch die blauen Flächen, die als zufällig fragmentierte Teile darauf zurückverweisen. Zwei der Elemente bilden einen rechten Winkel in Form einer Auskragung in den Raum aus. Jeweils ein Teil unten und etwas weiter oben zeigt seine unbemalte Seite, so dass sich lose alternierende Farbflächen ergeben. Das oberste Fragment hat zum Abschluss ebenfalls Ausläufer in den Raum, hierunter lehnt eine hellblaue Holzlatte und stützt und stabilisiert die Aufschichtung. Alles an dieser Skulptur wirkt provisorisch, fast zufällig und eher aus einem spontanen Impuls entstanden als für die Ewigkeit gemacht. 


Flüchtigkeit und das Momenthafte sind weitere wesentliche Merkmale von Kristina Bernings Kunst. Ihre Skulpturen kennzeichnet oft eine deutliche Fragilität, selbst wenn es sich um massive Backsteinschichtungen handelt, die der Unfertigkeit des Materials und den Gesetzen der Schwerkraft geschuldet scheint. Prekäre Balancen entstehen zwischen einzelnen Teilen und einem flüchtigen Ganzen, zusammengefasst in einer spontanen Geste temporärer Kontingenz. Wie in einem eingefrorenen Prozess probiert sich der vorübergehende Zustand in der Rolle eines beständig Bleibenden aus.   


Einer weiteren Arbeit mit dem Titel „Untitled“, ebenfalls von 2011, geht es ebenso um Fragilität und Balance: Ein großes Oval aus Draht wird durch eine Metallstange in der Vertikalen gehalten, angelehnt an eine Plastikschiene. Zusammen mit Klebeband und einem Stein, der die Höhenunterschiede der beiden Latten ausgleicht, entsteht ein prekäres Gleichgewicht, das in jedem Moment den improvisierten Charakter des Kunstwerks deutlich macht und zugleich eine innere Notwendigkeit trägt, in genau dieser Art und Weise positioniert worden zu sein.


Wirken die Skulpturen auf den ersten Blick auch eher spontan oder zufällig: bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es Kristina Berning um eine definierte Formgebung und um Konstruktion geht. Viele Skulpturen nehmen einen figürlichen Charakter an oder haben modellhaft geometrische Züge. In einer architektonischen Sprache werden verschiedene Volumina und Materialien zusammengestellt. Lineare Konstruktionen, kompakte Volumen, abstrahierte Strukturen, organische Formationen, Eigenschaften der Materialien fügen sich logisch in eine Ordnung ein. Die physischen Strukturen gehen aus der Charakteristik der Materialien hervor. Backstein ist stabiles Fundament, Draht ist eine weiche, feine Linie im Raum, Holz stützt die Konstruktion. Grundlage künstlerischen Handelns ist für Kristina Berning die Determiniertheit des Ausgangsmaterials: Ihre Kunst entsteht in einem Prozess, der die Erkenntnis und das Verstehen der im Material eingeschriebenen Möglichkeiten zum Ausdruck bringt und der damit dem abgelegten, von jeder Funktion gelösten und daher undefinierten Gegenstand zu einer neuen Lebendigkeit nach eigenem Recht verhilft.


Die Arbeiten selbst unterscheiden die in ihnen zusammengefügten Materialien, machen in ihrer Gegenüberstellung ihre innewohnenden Eigenschaften durch Differenzierung deutlich und weisen sich als Teil der Natur und der industriellen, wirklichen Welt aus. Sie verweisen nicht auf eine künstlerische Quelle. Kristina Berning ist es wichtig, den Herstellungsprozess ihrer Arbeiten so einfach und transparent wie möglich zu halten. Jeder Handgriff soll logisch begründet und daher nachvollziehbar sein, prinzipiell ist die Möglichkeit gegeben, direkt nachzuvollziehen, was mit den Materialien geschehen ist und in welcher Reihenfolge es geschah. Die Handlungen der Künstlerin sollen sich als performativer Akt in das Werk selbst einschreiben, sie geschehen, so Kristina Berning, intuitiv und zugleich konzentriert.


Die zunehmende Virtualität unserer Lebensweise, die mediale Bilderflut und die schnelle Verbreitung von Information über das Internet hat unser Verhältnis zu dem, was wir als Wirklichkeit erfahren, stark verändert. Die Wirklichkeit ist zunehmend zu einer vermittelten Wirklichkeit geworden, deren Bilder und Informationen tatsächlich gemachte Erfahrung ersetzt. Die faktische Rückversicherung anhand materieller Präsenz erhält dadurch einen neuen Stellenwert. Die Unmittelbarkeit ihrer Kunst setzt Kristina Berning dem gefühlten Authentizitätsverlust der Gegenwart entgegen. Die haptische Qualität der von ihr benutzten Materialien repräsentiert eine Wirklichkeit, die elementar und greifbar ist und im Gegensatz zu einer unübersichtlichen, nicht mehr nachzuvollziehenden Komplexität der uns umgebenden technischen Herstellungsprozesse steht. Daher sind, in der finalen Form des Kunstwerks, die Materialien und die Stufen ihrer Bearbeitung, die Spuren ihrer Herkunft, deutlich gemacht. Bewegung, Prozess, Handlung, Leben: Ddie Bevorzugung eines „Werdens“ gegenüber einem abgeschlossenen Zustand wurde schon häufiger als eine Erwiderung gegenüber einem Wahrheits- und Sinndefizit in Kunst und Gesellschaft gedeutet. Das konkrete Handeln entselbstverständlicht sich, um den Wert des alltäglich Konkreten neu erfahrbar werden zu lassen.