Katalogtext von Nina Köller


Die skulpturalen und raumbezogenen Werke von Kristina Berning entstehen durch eine Aktualisierung der Verfassungen des Materials, das sie in ihrer unmittelbaren Umgebung, im Atelier, im Stadtraum findet. Die einzelnen Materialien tragen ihre eigene Geschichte in die Werke. Von ihrer ursprünglichen Funktion befreit, fügt die Künstlerin Versatz- und Fundstücke zu neuen, autonomen Konglomeraten aus Holz, Gips, Metall oder anderen Stoffen zusammen. Wenige Werke sind farbig gefasst, meist belässt die Künstlerin das Material in dem Zustand, in dem sie es vorgefunden hat. Die Unmittelbarkeit setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit fort, die Skulpturen formen sich innerhalb des künstlerischen Prozesses und zitieren eine architektonische Formensprache. Es ist eine Balance von Konstruktion und Zufall. Die am Anfang stehende Idee überlässt die Künstlerin dem Material, da es für Berning bereits eine Handlungsanweisung in sich trägt. Das Ergebnis des Prozesses ist offen.

Das gilt vor allem für die Serie der Digging Sculptures, die den Bewegungen des Körpers im Raum nachspüren. Kristina Berning gräbt (engl. to dig) mit bloßen Händen in einem Block aus Ton, sie lässt sich lenken von der Beschaffenheit des Materials, das Material führt sie zur Form, die im Anschluss mit Gips ausgegossen wird. Nach dessen Härtung wird die Gussform aus Ton zerstört, um die Skulptur zu befreien, die zunächst verlorene Form wird geborgen. Trotz des seriellen Charakters ist jede Digging Sculpture ein Unikat, in einem Moment geschaffen. Die Unmittelbarkeit und die assoziative Geste sowie der direkte Umgang mit dem Material stehen hier im Mittelpunkt. Eine anthropomorphe Struktur mit den gestischen Abdrücken von Fingern entsteht, Spuren des Gussprozesses sind sichtbar. Es entstehen Rillen, Löcher, Blickachsen, Höhlen, Nischen und Winkel. Die Digging Sculptures thematisieren das Bildhauerische in seiner ureigenen Ausformung, sie stehen für das Menschliche, für Transformation und Verwandlung.

Kristina Berning denkt von ihren skulpturalen Werken in den Raum hinein, sie zeichnet mögliche Erweiterungen und referiert auf die Umgebung. Der Umgang mit Material, Formen und Farben wird zu einer Partitur von Gesten, die sich mit den sie umgebenden architektonischen Elementen verbinden. Der Betrachter sieht Formen, die sich direkt auf den menschlichen Körper beziehen. Emotionen und Handlungszusammenhänge werden sichtbar. Die Werke hüllen den Betrachter in ein Geflecht aus gedanklichen und physischen Versuchsanordnungen. Sie stellen uns Fragen nach Perspektive und Maßstab, nach Präsenz und Abwesenheit, nach unserer eigenen Position im Raum. Im Westfälischen Kunstverein in Münster entwickelte die Bildhauerin erstmals  ein ephemeres Werk. Mit ihren Fingern zeichnete sie pastose, vertikale Linien auf eine Schaufensterscheibe des Ausstellungsraumes. Die skulpturale Intervention wurde gleichzeitig Raumelement. Körper, Zeit und Raum formt sie zu einem skulpturalen Geflecht. Ohne im Raum sichtbar zu sein, manifestiert sich ihr Körper in den Skulpturen. So macht Berning das Performative, das dem bildhauerischen Akt zugrunde liegt, auf besondere Weise sichtbar.